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KULTURPROJEKTE NIEDERRHEIN E.V. /// FÖRDERUNG REGIONALER VERNETZUNG AM NIEDERRHEIN

SCHON DABEI?

NRZ, 07.08.2026, Kamp-Lint­fort

Chri­stel Liet­zow hat ein Fai­ble für Trecker - und für Musik. Für alles offen

Der Ram­kers­hof ist über 300 Jahre alt. Beim Höfe-Festi­val 2026 ist er einer von 15 Spielor­ten.

Alter Bau­ern­hof in Hoerst­gen wird Kon­zer­tort

Kamp-Lint­fort. Chri­stel Liet­zow öff­net das Tor zur alten Scheune und knipst das Licht an. Der rote Fahr-Trecker von anno 1956 fällt sofort ins Auge. „Ich habe ein Fai­ble für Trecker“, sagt die 72-Jäh­rige und lacht. Dann schwingt sie sich auf den Sitz und fährt den Old­ti­mer auf die Hofein­fahrt. Bis das Odd­geir Berg Trio hier im Rah­men des Höfe-Festi­vals 2026 einen ganz beson­de­ren Kon­zertabend spie­len wird, müs­sen noch Stühle, Bier­bänke und die alten Kir­chen­bänke als Sitz­ge­le­gen­hei­ten auf­ge­stellt und sicher auch das ein oder andere Gefährt ran­giert wer­den. Wird schon. Denn allein schon wegen sei­ner Histo­rie ist der Ram­kers­hof in Hoerst­gen wie gemacht für einen Kon­zer­tort.

Gabi Gies

Der Mann mit der Tuba vor dem Wohn­ge­bäude des Ram­kers­ho­fes auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto von 1905 ist Chri­stel Liet­zows Groß­va­ter Fried­rich Luy­ten, einer der vier Grün­der des Hoerst­ge­ner Posau­nen­chors, in dem auch sie seit vie­len Jah­ren Posaune spielt. Musik hat für die Kamp-Lint­for­te­rin schon als Jugend­li­che eine wich­tige Rolle gespielt - auch auf dem alten Bau­ern­hof. Auf Wunsch der Mut­ter lernt sie erst das Kla­vier­spiel, mit 14 Jah­ren setzt sie dann ihren Kopf durch und macht die Posaune zu ihrem Instru­ment.

Pro­ben in der Scheune

„Wir waren vier Freun­din­nen und woll­ten unbe­dingt im Hoerst­ge­ner Posau­nen­chor mit­spie­len. Damals musi­zier­ten dort noch keine Frauen.“Die Mäd­chen übten mit Aus­dauer und Ener­gie zu Hause, drei Monate spä­ter durf­ten sie in der Kir­che mit­spie­len. Der Hoerst­ge­ner Posau­nen­chor ist übri­gens nicht das ein­zige Ensem­ble, in dem sich Chri­stel Liet­zow aktu­ell enga­giert. Vier seien es der­zeit, erzählt die Hobby-Musi­ke­rin, Posaune und/oder Tuba spielt sie auch bei den Treuen Musi­kan­ten Nieu­kerk, bei den Sin­fo­ni­schen Blä­sern Neu­kir­chen-Vluyn und im Rhein­preu­ßenor­che­ster Kamp-Lint­fort. „Manch­mal pro­ben wir auch hier in der Scheune, gerade im Som­mer, wenn die eigent­li­chen Pro­beräume nicht zur Ver­fü­gung ste­hen.“

Die Geschichte des Hoerst­ge­ner Bau­ern­ho­fes reicht weit zurück, wie weit genau, hat Chri­stel Liet­zow bis­lang nicht abschlie­ßend her­aus­ge­fun­den. Die erste sichere Spur hat sie auf einer Karte aus dem Jahr 1750 ent­deckt, dort ist der Hof bereits ein­ge­zeich­net - aller­dings noch ohne Namens­nen­nung. Nach ihrem Kennt­nis­stand waren Hof und Land immer in Fami­li­en­be­sitz. Das Haupt­ge­bäude, in dem sie und ihre Schwe­ster auf­wuch­sen, stamme in etwa aus dem Jahr 1880, so Liet­zow.

Da hieß es für alle Fami­li­en­mit­glie­der, mit anzu­packen. Egal ob mit dem Trecker auf dem Feld oder beim Dre­schen in der Scheune - Frei­zeit war für sie als Kind und spä­ter als Jugend­li­che ein rares Gut. „Meine Freun­din­nen frag­tel im Som­mer immer: ,Kommst du mit Schwim­men?‘ Ich konnte nie mit, auf dem Hof gab es immer etwas zu tun.“

Als ihr Vater in den 1970er Jah­ren krank wurde, habe sie kurz über­legt, ob sie die Land­wirt­schaft wei­ter­füh­ren solle, erzählt Chris­Liet­zow, die frü­her als Leh­re­rin arbei­tete, „aber da war ich schon im Stu­dium.“Den Bezug zum elter­li­chen Hof hat sie den­noch nie ver­lo­ren. Als sie hei­ra­tete, bau­ten sie und ihr Mann auf dem Grund­stück schräg gegen­über ihr Ein­fa­mi­li­en­haus. Mitt­ler­weile bewohnt einer ihrer bei­den Söhne mit sei­ner Frau den alten Bau­ern­hof.

Reise nach Bay­ern

Heute sind der große Gar­ten und die Streu­obst­wie­sen um den Hof herum wei­test­ge­hend natur­be­la­sten sen. Neu­er­dings ziert ein grü­nes Schild mit der Auf­schrift „Ram­kers­hof“das Haupt­ge­bäude - das ist Teil des von Hei­mat­for­scher Heinz Ermen und dem Ver­ein Nie­der­rhein initi­ier­ten Pro­jek­tes „Hof­na­men“, das mit grü­nen Hin­weis­schil­dern auf histo­ri­sche Bau­ern­höfe und Kat­stel­len in der Stadt auf­merk­sam macht.

Dass Chri­stel Liet­zow das Höfe­Fe­sti­val des Ver­eins Kul­tur­pro­jekte Nie­der­rhein ken­nen­ge­lernt hat, ver­dankt sie streng genom­men einer Reise nach Bay­ern. Dort erlebt sie mit einer Freun­din ein Kon­zert des öster­rei­chi­schen Blas­mu­si­kers Johan­nes Bär mit dem Jazz­trom­pe­ter Matt­hias Schriefl. „Ich war total begei­stert“, erin­nert sich die Hob­by­mu­si­ke­rin. Wie­der Zuhause sucht sie im Netz Infor­ma­tio­nen über die bei­den Musi­ker und stellt fest, dass beide schon häu­fig auf Ein­la­dung des Ver­eins Kul­tur­pro­jekte Nie­der­rhein in Kamp-Lint­fort zu Gast waren - auch im Rah­men der Höfe-Festi­vals.

Kul­tur gehört nicht allein in die Stadt, son­dern eben auch aufs Land - das ist für Chri­stel Liet­zow etwas Selbst­ver­ständ­li­ches. „Wir haben frü­her auch schon Wohn­zim­mer- oder Gar­ten­kon­zerte bei uns ver­an­stal­tet.“Das Kon­zept des Höfe-Festi­vals, hoch­ka­rä­tige Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen in länd­li­che Gegen­den zu tra­gen, hält sie für eine „super Idee“: „Nor­ma­ler­weise kon­zen­triert sich die Kul­tur ja an bestimm­ten Orten, meist in Städ­ten. Aber warum nicht auf dem Land?“Davon ab, sagt sie, möge sie „abge­fah­rene Orte für Kunst und Kul­tur“.

„Ich bin für alles offen und freue mich, andere Musi­ker ken­nen­zu­ler­nen,“freut sich die Blas­mu­si­ke­rin auf das Kon­zert am 29. August. Ihre Fami­lie unter­stützt das Pro­jekt, eine kleine erste Hel­fer­schar für den Kon­zert­tag ist bereits gefun­den. Es wer­den Getränke ange­bo­ten und es wird mit Sicher­heit vor und nach der Musik Gele­gen­heit für gute Gesprä­che geben. Und Zeit, den Hof mit sei­nen ver­steck­ten klei­nen grü­nen Oasen oder dem alten Back­haus und dem Milch­haus zu ent­decken. Viel­leicht lässt sich ja auch ein Blick auf den Ori­gi­nal­Deutz-Trecker wer­fen, mit dem Chri­stel Liet­zow als Jugend­li­che noch selbst über die Fel­der gefah­ren ist.




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